OT: Lieber Volker

Lieber Volker,

Dein Sohn rief mir gestern an, um mir unter anderem anzudeuten, daß ich mich melden sollte, wenn ich noch mit Dir sprechen möchte, die Zeit werde kurz. Deine Blutwerte deuteten auf erneutes Krebs. Du seiest schwach; Chemo habest Du ohnehin abgesetzt. Man gebe die Hoffnung nicht auf, dennoch habe ein befreundeter Arzt gesagt, es sei eher fraglich, daß Du es noch bis Ostern schaffst.

Ich werde anrufen. Beim Telefonat oder beim Besuch, früher, hättest Du von Deinem Musizieren erzählt, oder auch von Deiner immerwährenden Bibelübersetzung, oder vielleicht von den Vögeln, die Du beim täglichen Spaziergang gesehen hattest. Ich werde hoffen zu hören, wie es Dir vor kurzem beim Treffen mit Deinem 4. Enkelkind ergangen ist, der erste, einzige Junge, der am Ostern getauft werden sollte. Bilder von der Begegnung habe ich schon gesehen. Du hast sehr abgebaut, Deine Augen sind sehr groß in Deinem Gesicht, dennoch sahest Du — Enkel auf dem Arm — glücklich aus. Dein Sohn meinte auch, es sei nicht immer möglich mit Dir zu reden, vielleicht ginge das gar nicht mehr, falls es ginge, würdest Du Dich aber sehr freuen.

Ich werde anrufen. Ich werde zuhören, denn es gehört sich so. Und falls wir sprechen, wird es viel Ungesagtes im Hintergrund geben, das wir aber beide nicht zu erwähnen brauchen. Daß wir uns diesseits nicht mehr sehen. Und da ich weiß, daß Du zur Zeit viele solche Gespräche führst, werde ich mich bemühen, meinen Anruf und meine Trauer nicht zum Stress für Dich zu machen. Denn Du solltest, soweit Du kannst, noch soviele sanfte Tage erleben, wie G-tt Dir gibt. Die hast Du verdient.

Bloß: wohin mit allem, was ich jetzt empfinde? Das alles ist nicht für Dich, glaube ich, obwohl ich es Dir gerne erzählt hätte. Der Norddeutsche sei nicht so offen mit seinen Gefühlen, hast Du mir gesagt, als ich Dir einmal gefragt habe, warum Ihr Eure Kinder beim Abschied nicht umarmt. Es wäre Dir peinlich zu hören, glaube ich, was Du mir bedeutest. Deshalb schreibe ich es hier. Dein Sohn liest hier manchmal, vielleicht weiß er, wohin damit. Er leidet aber selber darunter.

Keiner kann eins Deiner vier Kinder kennen — und ich kenne zwei sehr gut, und ein drittes mindestens ein bißchen — ohne zu wissen, was für eine wichtige Rolle Du in Deiner Familie spielst. Auch bevor ich Dich persönlich kannte, warst Du immer eine Präsenz im Gespräch: “Vater sagt,” “Vater meint,” “Vater kann,” “Vater hat,” usw. Deine Kinder haben Dich vor deren Freunden offen bewundert, auf eine Weise, die mir völlig fremd war. Du hast es auch zu “was” im Leben gebracht, aber die Bewunderung Deiner Kinder hing nicht an Deinen Errungenschaften, es war kein kaltes Einschätzen von Deinem Status. Denn sie lieben Dich auch, mit der gleichen Intensität, die Du Ihnen zeigtest. Du warst kein abwesender Vater, weil Dein eigener Vater während des Krieges verstarb. Vom Wenigen, das Du mir darüber sagtest, klang es als ob Du zeitlebens darunter gelitten hast. Du warst deshalb da, Du hattest Meinungen, Werte, die Du Deinen Kindern ermitteltest, oft mit der Kraft einer sehr starken Persönlichkeit. Du selber hattest keine leichte Kindheit, bist aus mehrere Wohnungen ausgebombt worden, mit einer strengen Mutter und einem strengen Großvater aufgewachsen, auch wenn es große Momenten der Licht und wahre Liebe und Verbundenheit zu Deinen Geschwistern gab. Du warst manchmal launisch oder depressiv. Das Aufwachsen mit Dir hat jedes Deiner Kinder eigens erlebt und anders verarbeitet, und ich behaupte nicht, das es für sie immer leicht mit Dir gewesen sei. Das war es nicht, und schwierige Geschichten hörte ich von denen auch. Du hattest Ansprüche, hast von Deinen Kindern viel verlangt. In den mehr als zehn Jahren unserer engeren Kontakte habe ich nicht nur Familienfeste sondern auch Familienkämpfe erlebt. Doch hast Du den eigenen Weg von jedem Kind unterstutzt, auch wenn (in einem Fall mindestens) der Weg zur Abhängigkeit sehr lang wurde.

Auch ich bewundere Dich. Für mich, die ich meinen eigenen Vater eher als eine drohend anwesende Abwesenheit erlebt habe — für mich machtest Du vieles unwissentlich, unabsichtlich, wieder gut. Du warst der erste Mensch, dir mir als Erwachsene in einer vaterähnlichen Beziehung stand, ich hatte sonst keine so nähe Beziehungen zu den Eltern von anderen Freunden. Du zeigtest mir eine mir unbekannten Art Vaterbildes. Du würdest dies wohl als unwichtig bezeichnen, aber Du zeigtest mir, daß ein Mann — ein Vater, das war wichtig — Alcohol genießen kann, ohne sich immer zu betrinken. Du magst kluge Frauen, eine Meinung, die Du Deinem Sohn weitergabst. Du meinst, daß Frauen auch praktische Sachen beherrschen können. Ich habe kein schönes Gesicht, doch fandest Du immer etwas an mich zu loben, ein Kleid, eine neue Frisür, den qualifizierten Gebrauch eines langsam wachsenden Wortschatzes, der aber von Dir im wesentlichen erweitert wurde. Du fandest immer etwas zu sagen, das zeigte, daß Du mich schätztest, genau wie ich war. Auch wenn ich mitten in Weihnachtsferien, zu Besuch bei Euch, erst um 11 Uhr morgens aufstand und eher furchtbar drauf war, sagtest Du: “Sie haben einen so gesunden Schlaf, das ist bewundernswert.” (Es ging runter wie Öl, denn meine Eltern sehen meinen großen Schlafbedarf eher als Charakterschwäche.) Wenn Du Bücher aus Deinem beruflichen Bibliothek für Deine Kinder aussortiert hattest, gab es manchmal auch eins für mich.

Man pflegt zu sagen, das erste Gottesbild eines Kindes sei das des Vaters. Du warst für mich in vieler Hinsicht ein Vorbild der Gnade. Öfter habe ich gedacht, wenn Du mein Vater gewesen wärest, so wäre ich vielleicht Christ geblieben. Du warst großzügig mit Deinen Kindern auf eine Weise, die mir immer wieder atemlos ließ. Deine Liebe zu Deinen Kindern, und Deine mir gezeigten und ausdrucklich gesagten Überzeugtheit, daß Eltern ihre Kindern lieben, zusammen mit Deinem Vorbild der Gnade, ließ mich meine schwierige Beziehung zu meinen Eltern noch einmal unter die Lupe nehmen; wenn ich nicht immer Gnade bei meinem Eltern fand, so brachtest Du mir bei, wie Dein Sohn auch, selber mehr Gnade zu zeigen, was Jahre später vieles bewirkt hat. Du bist evangelischer Geistlicher, doch hast Du nie versucht, meine Entscheidung fürs Judentum in Frage zu stellen; viel eher hast Du Dich dafür interessiert und mich darüber ausgefragt. (Du kannst immer noch viel besser Hebräisch als ich!) Beim gelegentlichen Zuhören Deiner Predigten (meistens zu Weihnachten), die eine viel reflektiertere lutherische Frömmigkeit zum Ausdruck brachten, als die, die ich von meiner Kindheit kannte, lernte ich eine andere, sanfte Weise über G-tt zu denken. Samen gelegt für die Zukunft. Ich werde nie wieder Christ, dennoch hast Du mir ein anderes Gottesbild vorgeführt und ein anderes Christenbild vorgelebt. Seitdem ich Dich kenne, denke ich anders über G-tt. Ich bin nicht mehr so böse.

Vielleicht die größte Großzügigkeit kam, als es mit Deinem Sohn nicht mehr ging. Zwar entwickelten wir uns auch unabhängig von meiner Beziehung zu ihm zu Freunden. Du wirst nie wirklich verstehen können, wie es mich gerührt hat, daß Du und Deine Frau zu einem Pessach Seder in meiner Synagogue kamen, nur aus Freundschaft und Interesse. Meine eigene Eltern haben noch nicht sowas gemacht und werden es wohl nie tun; zum ersten Mal habe ich durch Euch erfahren, wie es war, ein Familiengefühl bei einem jüdischen Fest zu erleben. Es dauerte mehr als neun Jahren, bis Ihr mir das Du angeboten habt, komischerweise mitten in einem Familienkampf. Wer das miterlebt hat, meintest Du, gehört schon dazu, das ist schon längst überfällig. (Ich meinte, ich würde nie erzählen können, wie das zustande kam, und habe es auch niemandem erzählt.) Aber als ich nicht mehr mit Eurem Sohn sprechen könnte, als der Gedanke drohte, ich würde auch Euch verlieren, wart Ihr da mit der einfachen Botschaft, wir seien auch ausserhalb von ihm befreundet geworden, und das würden wir wohl weiter so führen wollen. Es dauerte, bis ich Euch glauben konnte, doch wurde es auch so.

Du bist ein guter Mann, Volker. Du hast so viel an mich beeinflußt. Ich bin sicher nicht die Einzige, die von einer Berührung mit Dir verbessert wurde. Ich kann an Deiner Familie ohne Dich gar nicht denken, allein der Gedanke ist bedrohlich schwer. Du willst aber bestimmt keine Trauer. Ich werde anrufen und zuhören und all dies nicht erwähnen.

~ by Servetus on February 24, 2012.

15 Responses to “OT: Lieber Volker”

  1. Is it something personal,Servetus?-if yes ,I will not translate this text.

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  2. Servetus, I can’t tell you how your words (in my own language) touched me while reading them.
    With an ill father and the scary thought in the back of my head that I’ll have to say Goodbye someday (Maybe sooner, maybe later) and that there are so many things unspoken between us I think I can understand a little bit how you feel.
    I wish you a lot of strength for that call and wonderful memories to remember for the time Volker will be gone.
    Take care!!!

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  3. Servetus, deine Worte sind vielleicht wie eine Arte Befreiung für Dich, dass Du sie sagen (schreiben) konntest. Ich bin mir sicher, Dein gewünscher Adressat (dieser für Dich so wichtige Mensch) wird diese Nachricht, auf dem einen der anderen Weg, erhalten und verstehen. Sie wird berühren, so wie sie mich unbekannterweise berührt . All diese Familiengeschichten…

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  4. Welch ein ergreifender und einfühlsamer Brief, Servetus. Ich bin ganz ergriffen von Deinem Schreiben und wünsche Dir viel Kraft und alles Liebe in dieser schwierigen Zeit.

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  5. Vielen Dank für die nette Kommentare …

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  6. Hi servetus,

    I popped in ready to read your thoughts about North and South and read this. I wish you all the best in this difficult time. I actually have two friends in Germany who recently made full recoveries from cancer.
    good luck !

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  7. *Hugs* for you, servetus. You know where I am if you need anything.

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  8. […] gentleness from. She didn’t think she would ever stop needing the feel to sob in church, but he and his family made things around G-d easier, bit by […]

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  9. […] Volker. You held on a long time — a year longer than expected, long enough to witness a […]

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  10. […] I counted at some point in 2010 (the last time I got back from Germany, without a definite plan to return for the first time in years) and I’d spent half of my time between September 1995 and September 2010 in the Federal Republic. There were some big chunks in there (1995-98; 1999; 2003-4; 2006-2008) and a lot of summers and Decembers / Januaries. I signed a lot of leases, waited repeatedly in the Ausländerbehörde for official stamps and entries in my passport, had a Studienbuch (which registers one’s official progress at a university) and a German bank account and a cell contract and a registered address, a bicycle and a television (that I also paid taxes on) and sometimes a landline. I had the public health insurance plan and later a private plan for foreign academics and I qualified for students and residents’ discount on public transportation. I had a discount national railcard. I had (still have!) at least seven different library cards for scholarly or state facilities. I had favorite cheese mongers, butchers, chocolatiers, and bakers. I was a member of a synagogue; I led services; I participated in the burial society. I had keys. I had personal liability insurance in case I lost them and a building had to be rekeyed. I was present at a live birth. I developed family. […]

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